Dienstag, 9. Oktober 2012

Frida

Bisschen viele Gefühle gerade auf einmal in mir drin.

Liebe Frida,

sieht wohl so aus, als hätte ich ‚es‘ geschafft. Schau, wie weit ich gekommen bin, auch mit verdammt vielen Steinen und riesigen Felsbrocken, die mir im Weg lagen. Auch wenn du niemals auch nur einen verd… Pfennig auf mich gesetzt hast, dass du deiner einzigen Tochter nie vertraut hast, ‚es‘ zu schaffen … im Gegenteil … du sogar darauf gewettet hast, dass ich ‚es‘ nie schaffen werde, dass aus mir nie was werden wird. Tief in mir drin wusste ICH, dass ich’s schaffen werde. Und sieh mal einer an … ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich definitiv noch nicht perfekt bin. Aber: ich bin angekommen. Bei mir selbst. Aber schau … Zähne zusammenbeißen. Der Spaß fängt für mich an, wenn’s eine Herausforderung zu meistern gilt, an die sich andere Menschen – deine ‘tollen Anderen’, die du mir immer unter die Nase gerieben hast – niemals nicht, nie im Leben, heranwagen würden. Und auch nicht brauchen, weil sie das unrechtmäßig von DIR geschenkt bekommen, wofür ich so hart kämpfen muss, obwohl MIR dies zustehen würde. ICH bin deine Tochter. Deine einzige. Die sich ja für dich aufopfern soll. Dumm nur, dass deine 1000 Schülerinnen, die 1 000 000Töchter deiner 1000 Freundinnen (?!) für dich immer so viel toller waren, als ich. Egal wer. Ich stand immer ganz unten.
Toller aber auch nur auf dem Papier, denn meinst du, deine tollen Freundinnen erzählen in der Landschaft herum, welche Probleme sie haben mit ihren tollen Töchtern und Söhnen, so wie du das getan hast und weiterhin tust?! Böse Friederike. Ja klar. Alles Fassade. Schein. Alle wissen das, nur du siehst das nicht.

Aber schau, ich habe ‚es‘ auch ohne deine Anerkennung, ohne dein Vertrauen in mich geschafft.

Rätsel: Ich hatte lange genug eine fast vernichtende Angst, an dem immensen Erwartungsdruck zu zerbrechen, den mein Umfeld in mich hatte, und nach wie vor hat. Was meinst du, woher dieser Erwartungsdruck herkommt?! Weil ich mal superspitzenmäßig war. Die Beste auf meinem Gebiet. Zu leisten im Stande gewesen bin. Alles gegeben habe. Abgeliefert habe. Weil diese Menschen meine Persönlichkeit schätzen. Meine Arbeit mehr als erfüllt habe. Bevor ich nicht mehr konnte. Wieso glauben die das wohl alle, dass ich so monsterviel zu leisten im Stande bin?! Was stimmt hier nicht?! Weil ich die kleine beschissene Friederike bin, die du mir glauben machst zu sein?! Lange hat’s gebraucht, letzte Nacht, nachdem ich die Mitgliederversammlung geleitet habe, Gast gegeben habe, die Menschen sich sichtlich wohl gefühlt haben, habe ich DAS kapiert, das erste Mal in meinem Leben.

Um DEINE Anerkennung, um dein Vertrauen darin, dass ich ‚es‘ schaffen würde, habe ich gekämpft, habe ich mich fast kaputt gemacht. Du weißt nichts von mir. Was in mir vorgeht. Selbst wenn ich dir meine Gefühle mit weißem Handschuh auf dem Silbertablett serviert habe … hast du mir das Tablett sinnbildlich mit einem Wisch aus der Hand geschlagen … der Kuchen schmeckt dir nicht. Aber schau, es ging nicht um den verd... KUCHEN!

Aber schau, ich habe die Zähne gefletscht, und mich durchgekämpft. Ich bin lange nicht perfekt. Aber ich bin zufrieden mit dem, was ich sehe, wenn ich in den Spiegel schaue, im eigentlichen und im übertragenen Sinn – auch wenn alle deine Schülerinnen und Töchter … na klar: viel hübscher und toller sind als ICH. Merkst du eigentlich, wie lächerlich dieses Spiel ist?!
Lange genug habe ich vertraut, dass das, was du mir gesagt hast, die einzige Wahrheit ist, du warst meine Göttin, alles für mich und noch viel mehr. ALLES. Ich hätte mich für dich … . Wirklich. Viel hat phasenweise nicht gefehlt. Vielleicht hätte ich’s getan, wenn mein Dad nicht … wenn ich nicht mir selbst und nur mir selbst GESCHWOREN hätte, das NIEMALS NIEMALS NIEMALS zu tun.

Du hast mich lange genug, viel zu lange, glauben gemacht, ich sei ein schlechter Mensch, and you’re not givin‘ up on it … hatte ich schon in aller Ausführlichkeit hier … AUS IRGENDEINEM GRUND HABE BESCHLOSSEN, NICHT MEHR AUF DICH ZU HÖREN. Mein UNGEHORSAM hat mir das Leben gerettet. Mein eigenes. Das ich leben darf. Autonom. Auch wenn ich deine Beweggründe zu verstehen beginne. Ich wollte dich immer stolz machen, aber ich habe dir zu keinem Zeitpunkt genügt so, wie ich war. Fast wäre ich daran zerbrochen. Ja, nach wie vor schade, dass du mich nicht akzeptieren kannst, wie ich bin. Unperfekt. So wie du auch. Mensch eben. Aber hey … das ist nicht mein Problem. Nicht mehr.