Dienstag, 25. Januar 2011

Über das Schreiben

Liebe Leserinnen und Leser,

Lange habe ich überlegt, ob ich soll oder soll ich lieber nicht?! Schließlich habe ich mich für keinen faulen Kompromiss entschieden ... . Fakt ist ja, dass ich nun mal ein Mensch bin, der sich viele Gedanken über alles macht. Das lasse ich jetzt mal wertungsfrei so stehen. Eine Form, oder sagen wir ein Ventil, um besser mit meinen Problemen umgehen zu lernen, ist - Sie haben's erkannt - das Schreiben. Im Schreiben eröffnen sich mir viele neue Möglichkeiten; Möglichkeiten, wie ich sie zuvor nicht gesehen habe oder nicht sehen konnte. Jedenfalls habe ich heute eine, wie ich finde, gute Antwort verfasst auf die These

"Ich habe den Eindruck, dass es für Sie wichtig ist, jemanden zu haben, dem sie jederzeit etwas mitteilen können, der Sie versteht und auf Ihre Gefühle und Gedanken eingehen kann."

Meine Antwort in Auszügen:

"Lieber Felix,

ich habe mir nun nochmal Gedanken zum Schreiben gemacht. Vorneweg schicken muss ich, dass ich paradoxerweise in meiner kompletten Schul- und Ausbildungszeit abgesehen von den Sprachen (da war ich auch im Schriftlichen sehr gut) IMMER sämtliche Noten über das Mündliche gerettet beziehungsweise
aufgebessert habe.

Wieso hat sich das so sehr umgedreht? Ich meine, dass der größte Anteil darin in meinen negativen Erfahrungen in G liegt, und auch in meinem äußerst bescheidenen letzten Jahr.

'Es gibt keine größere Freude, als sich selbst, sein eigenes Ich zum Ausdruck zu bringen" sagt der Literaturwissenschaftler Georg Misch. Und da ich scheinbar/offensichtlich auf die mündliche Art damit keinen Erfolg habe (zumindest nicht bei den mir wichtigsten Menschen), suche ich eben nach einer anderen Möglichkeit. Mir geht es darum, ein Bewusstsein dafür zu bekommen, was gut ist in meinem Leben, ich möchte meinen Standort bestimmen 'Wie bin ich die geworden, die ich jetzt bin?', aber auch bilanzieren "Wo stehe ich jetzt? Was kann ich mit meiner Zeit noch Sinnvolles tun?' Ok, das klingt, als wäre ich 65 Jahre alt und hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen. Rather not. Ich bin halb so alt und meilenweit davon entfernt. Ich möchte mein Leben auf die Reihe kriegen, das Bestmögliche rausholen! Eine Krise wie diese, die ich gerade durchlebe, empfinde ich als Chance.

Nein, eine Krise IST eine Chance, ich hoffe, dass die Entscheidungen, die ich in ihr treffe, die richtigen sind, um in ZUKUNFT etwas besser zu machen als bisher. (Oh mein Gott, das klingt nach 85 ... ). Das Positive ist, dass ich noch keine 85 bin, und auch noch keine 65; entscheide ich mich jetzt also für das RICHTIGE, dann habe ich ein langes schönes Leben vor mir. Nur: was ist richtig und falsch?!

Ich möchte rückblickend in meinem Leben 'aufräumen', mir Schwieriges wie Geglücktes endlich (?) bewusst machen, ich möchte den roten Faden oder zumindest ein Muster in meinem Leben sehen.

'Einer der wichtigsten Gründe für einen Menschen, zu schreiben, ist der Wunsch, schreibend zu entdecken, was er war, und damit, was er ist, was sein Leben bedeutet hat, und was es im gegenwärtigen Augenblick bedeutet.' (Ricarda Huch)

Alles in Allem schreibe ich aber, weil ich Freude daran habe, und darin eine sinnstiftende Beschäftigung sehe. Schreiben ermöglicht es mir, ein wenig zurückzutreten, den Gang der Ereignisse zu betrachten, und eine zielgerichtete Entwicklung zu sehen, die auf die Gegenwart hinausläuft, in der ich jetzt lebe. Schreiben ermöglicht es mir auch, Geschehnisse neu zu deuten und bisher nicht wahrgenommene Zusammenhänge aufzuspüren. Damit dürfte ich dann wohl im freudschen Keller angelangt sein, oder?!

Unbewusst liegt meinem Schreiben wohl auch der Wunsch wenn nicht nach Selbstrechtfertigung, zumindest aber nach Selbst-Erklärung zugrunde, und mit dem Selbst-Erklären der Wunsch nach Anerkennung. Selbstrechtfertigen brauche ich mich nicht, denke ich, da ich das Geschehene sowieso nicht rückgängig machen kann, aber: ich kann aus dem Geschehenen lernen und meine Schlüsse für die ZUKUNFT ziehen, auf dass ich nicht die gleichen Fehler nochmal mache.

Unschöne Erfahrungen, die ich ja auch gemacht habe, [...] werden durch die schriftliche Auseinandersetzung vielleicht/hoffentlich ein bisschen erträglicher. Mein verletztes Ich versichert sich seiner Lebensfähigkeit und Widerstandskraft allein durch die Tatsache, dass ich trotz meiner Krise noch hier bin, 'überlebt' habe und davon berichten kann. "Was uns nicht umbringt, macht uns stark." Hoffentlich.

Der mir naheliegendste Grund noch vor allen anderen für das Bedürfnis nach dem Schreiben über mich und mein Leben wächst aber aus der Tatsache heraus, dass ich einen Mangel habe; einen Mangel an Gelegenheiten, über meine Erlebnisse zu erzählen, und --> sie zu verarbeiten.

Ach ... und schließlich wird, sobald ich schreibe, ja etwas von mir sichtbar, wenn ich ansonsten ja schon unsichtbar zu sein scheine. Es wird etwas von mir sichtbar, und es ist Zeugnis davon, dass ich tatsächlich hier
bin, dass es mich GIBT, auch wenn mich keiner sieht. Halt, dass es MICH gibt.

[...]

Radioaktive/selbstreflektierte/-reflektierende Grüße,
Friederike Fröhlich